PFAS in NRW: Hotspots und Maßnahmen
16. Mai 2026
Nordrhein-Westfalen und die PFAS-Krise: Ein Überblick
Nordrhein-Westfalen (NRW) ist eines der am stärksten von PFAS-Kontaminationen betroffenen Bundesländer in Deutschland. Als dichtest besiedeltes und industriereichstes Bundesland trägt NRW eine besondere Verantwortung im Umgang mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen. Seit dem ersten großen Skandal im Jahr 2006 hat das Land intensive Maßnahmen eingeleitet, doch die Altlasten sind bis heute nicht vollständig beseitigt. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) registrierte im Jahr 2024 fast 20.000 Einzelanalysen im Rahmen des landesweiten PFAS-Monitorings - so viele wie nie zuvor. (Quelle: LANUK NRW 2024)
Die Kontaminationen in NRW sind vielfaltig in ihren Ursachen: illegale Entsorgung von Industrieabfallen als vermeintlicher Kunstdunger, Feuerwehrübungsplätze, Papierindustrie und chemische Industrie haben über Jahrzehnte Boden und Gewässer belastet. Eine Untersuchung von NDR, WDR und Suddeutscher Zeitung identifizierte allein in NRW 155 offiziell ausgewiesene PFAS-Kontaminationsstellen - mehr als in jedem anderen Bundesland. (Quelle: WDR/NDR/SZ-Recherche 2024)
Der Skandal von 2006: Klärschlamm im Hochsauerland
Im Frühjahr 2006 wurden in NRW außergewöhnlich hohe PFOA-Konzentrationen in der Ruhr und deren Zufluss Mohne festgestellt. Das Trinkwasser für über vier Millionen Menschen war gefährdet - ein Schock für die gesamte Region. Die Ursache lag in einer kriminellen Entsorgungspraxis: Ein Abfallgemisch der Firma GW Umwelt, das unter dem Handelsnamen "Terrafarm" als Bodenverbesserer vermarktet wurde, war mit stark PFAS-belastetem Industriemull aus Belgien und den Niederlanden vermischt worden. Dieses Gemisch wurde über mehrere Jahre auf Landwirtschaftsflächen im Hochsauerland und im Kreis Soest aufgebracht. (Quelle: LANUV NRW 2024)
Von den belasteten Flächen gelangten die PFAS ins Grundwasser und in kleinere Oberflaachenwasser, von wo sie in Ruhr, Mohne und den Mohnesee gespult wurden. Besonders betroffen war die Gemeinde Brilon-Scharfenberg, wo auf einer rund zehn Hektar großen Flache höchste Kontaminationswerte gemessen wurden. Auf einer weiteren, circa zwei Hektar großen Flache nahe Ruthen im Kreis Soest wurden ebenfalls alarmierende Befunde festgestellt. (Quelle: Bezirksregierung Arnsberg 2007)
Die damalige Landesregierung reagierte Ende Mai 2006 mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket. In Zusammenarbeit mit LANUV, Wasserversorgungsunternehmen und weiteren Behörden wurden intensive Untersuchungsprogramme angestossen, Sofortmaßnahmen an den betroffenen Wasserwerken ergriffen und die Strafverfolgung eingeleitet. (Quelle: Ministerium für Umwelt NRW 2006)
Aktivkohlefilter am Mohnesee-Wasserwerk
Eine der ersten und wirksamsten Sofortmaßnahmen war die Installation von Aktivkohlefilteranlagen an den Wasserwerken Mohnebogen und Eickeloh. Diese Anlagen filterten die PFAS aus dem entnommenen Rohwasser bevor es als Trinkwasser in das Versorgungsnetz eingespeist wurde. Seit Inbetriebnahme dieser Filteranlagen im August 2006 wurden in NRW keine Überschreitungen der gesundheitlich duldbaren Leitwerte im Trinkwasser mehr festgestellt. (Quelle: LANUK NRW 2024)
Auf der besonders belasteten Flache bei Scharfenberg wurde 2007 eine weitere Aktivkohlefilteranlage errichtet, um Sickerwasser bereits am Entstehungsort zu erfassen. Beide Maßnahmen reduzierten die PFAS-Belastungen um rund 90 Prozent. Die Anlage bei Scharfenberg wird seitdem kontinuierlich überwacht, und regelmasige Bodenproben zeigen eine langsame, aber stetige Abnahme der PFAS-Konzentrationen im Oberboden. (Quelle: LANUV-Fachbericht 34)
Boden-Aushub: Wenn Sanierung nicht greift
An besonders hochbelasteten Stellen erwies sich die reine Wasserbehandlung als nicht ausreichend. Für Boden, dessen PFAS-Konzentration die behordlichen Prufwerte deutlich überschritt, blieb als einzige wirksame Maßnahme der vollständige Aushub und die fachgerechte Entsorgung. Im Hochsauerland wurden in den Jahren nach 2006 große Mengen kontaminierten Erdreichs ausgehoben und in speziellen Deponien entsorgt. Dieser Prozess ist kostspielig und hat bei weitem nicht alle belasteten Flächen erfasst - viele Grundstücke weisen auch 2024 noch messebare PFAS-Werte auf. (Quelle: LANUK NRW 2024)
Das Problem des Bodenaushubs ist auch bei Bautatigkeiten prasent: Wer in NRW auf einem PFAS-belasteten Grundstück baut, muss den Aushub entsprechend deklarieren, beproben und ggf. als Sondermull entsorgen. Die Kosten für die Entsorgung von PFAS-belastetem Boden haben sich seit 2020 vervielfacht, was Bauprojekte in betroffenen Regionen erheblich verteuert. Schätzungen des DVGW (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches) gehen für ganz Deutschland von Sanierungskosten in Hohe von mehreren Milliarden Euro aus. (Quelle: DVGW 2025)
Hotspot Düsseldorf: Flughafen und Papierindustrie
Der Dusseldorfer Norden rund um den Flughafen gilt als einer der bedeutendsten PFAS-Hotspots in NRW. Jahrzehntelang ubte die Flughafenfeuerwehr dort mit PFAS-haltigem Löschschaum - die Substanzen versickerten in den Boden und erreichten das Grundwasser. Auch die ehemalige Glasfabrik in Gerresheim und eine Papierfabrik in Bilk sind bekannte Kontaminationsquellen, bei denen nach Großbränden und Feuerwehreinsätzen PFAS im Boden verblieben. Die Stadt Düsseldorf kalkuliert für die Sanierung im Gebiet Gerresheim in den nächsten 15 Jahren mit Kosten von rund 22 Millionen Euro. (Quelle: Stadt Düsseldorf / TERZ 2025)
Obwohl das Trinkwasser in Düsseldorf selbst nicht PFAS-belastet ist und die Vorsorgewerte stets deutlich unterschritten werden, bleibt die Bodensanierung eine langfristige Aufgabe. Das Umweltamt der Landeshauptstadt überwacht kontinuierlich die Ausbreitung der Schadstofffahnen im Grundwasser und koordiniert Sanierungsmaßnahmen mit den Grundstückseigentümern. (Quelle: Umweltamt Düsseldorf 2024)
Krefeld und die 3M-Geschichte
Krefeld trägt eine besondere historische Verantwortung im PFAS-Kontext: Der US-amerikanische Chemiekonzern 3M, der Jahrzehnte lang einer der weltweit größten Hersteller von PFOA und PFOS war, unterhielt in Deutschland Produktionsstatten und pflegte intensive Geschaftsbeziehungen mit der chemischen Industrie am Niederrhein. 3M hatte bereits in den 1970er-Jahren interne Studien über die gesundheitliche Bedenklichkeit von PFAS in Auftrag gegeben, die Ergebnisse jedoch unter Verschluss gehalten. Im Jahr 2006 zahlte der Konzern eine Busse von rund 1,5 Millionen Dollar, weil er regulatorische Stellen nicht über die Gefahr seiner Fluorchemikalien informiert hatte. (Quelle: Infosperber / t3n 2024)
In Krefeld selbst dokumentierten Umweltschutzer und Behörden erhöhte PFOS-Konzentrationen im Rhein: Greenpeace nahm Wasserproben unter anderem in Krefeld-Uerdingen und stellte fest, dass die PFOS-Konzentration im Rhein den europäischen Jahresdurchschnittsgrenzwert überschreitet. Neben industriellen Quellen tragen dazu auch Regenwassereinleitungen aus Industrieflächen bei. (Quelle: Greenpeace Deutschland 2024)
PFAS im Rhein: Das größte Fliessgewasser in NRW
Der Rhein fungiert als Sammelader für PFAS-Eintrager aus dem gesamten NRW-Einzugsgebiet. Neben Krefeld-Uerdingen wurden in Duisburg, Dinslaken, Düsseldorf und Leverkusen erhöhe PFAS-Werte in Rheinproben nachgewiesen. Die Substanzen stammen aus industriellen Direkteinleitungen, aus Kliranlagen, die PFAS nicht effektiv herausfiltern, und aus dem Grundwasserzustrom belasteter Uferzonen. Das LANUK überwacht das Rheinwasser an strategisch gewahlten Messpunkten. (Quelle: LANUK NRW / Greenpeace 2024)
Für die Wasserwerke entlang des Rheins bedeutet das erhöhte Anforderungen an die Aufbereitung. In Köln etwa wird PFAS bereits mit Aktivkohle aus dem Rohwasser gefiltert. Das Wasserwerk Weiler im Siebengebirge, das Wasser aus Uferfiltrat entnimmt, musste seine Aufbereitungskapazitaten erweitern. (Quelle: WDR Quarks 2024)
NRW als Vorreiter: Aktuelle Maßnahmen und Regelungen
NRW hat auf die PFAS-Problematik früher und umfangreicher reagiert als die meisten anderen Bundesländer. Seit 2006 führt das LANUV ein umfassendes Monitoring-Programm durch, das kontinuierlich erweitert wird. Die Zahl der Analysen stieg von einigen Hundert im Jahr 2006 auf fast 20.000 im Jahr 2024. Die Belastungskonzentrationen einzelner PFAS-Verbindungen sind insgesamt rückläufig, während die Zahl der identifizierten Belastungsstandorte aufgrund verbesserter Nachweismethoden zunimmt. (Quelle: LANUK NRW 2024)
Ein wichtiger Meilenstein war die Einfuhrung verbindlicher Trinkwassergrenzwerte: Seit dem 12. Januar 2026 gilt ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für die Summe von 20 PFAS-Substanzen. Ab dem 12. Januar 2028 tritt ein noch strengerer Grenzwert von 0,02 Mikrogramm pro Liter für die Summe der vier kritischsten Verbindungen (PFOA, PFNA, PFHxS und PFOS) in Kraft. NRW hat diese Anforderungen antizipiert und die technische Aufrustung der Wasserwerke bereits eingeleitet. (Quelle: LANUK NRW 2024)
Auf dem Gebiet der Bodensanierung arbeitet NRW mit einem risikobasierten Ansatz: Hochbelastete Flächen, von denen ein akutes Gefahr für Grundwasser oder Trinkwasser ausgeht, werden priorisiert saniert. Der Kenntnisstand über belastete Flächen wird durch systematische Erkundungsprogramme ständig erweitert. Die Bezirksregierung Arnsberg koordiniert dabei die Maßnahmen im Sauerland und Hochsauerlandkreis, während andere Bezirksregierungen ihre jeweiligen Regionen überwachen. (Quelle: Bezirksregierung Arnsberg 2024)
Herausforderungen und Ausblick
Trotz der Fortschritte bleibt NRW vor großen Herausforderungen. Die vollständige Sanierung aller bekannten PFAS-Standorte wurde nach Schätzungen mehrere Jahrzehnte dauern und Kosten im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich verursachen. Hinzu kommen ständige neue Erkenntnisse über weitere bisher nicht erfasste Belastungsorte: Feuerwehren, Militarstandorte, Chemiewerke und Industrieflächen werden schrittweise auf mögliche Kontaminationen untersucht.
Besonders dringend ist die Frage der Haftung: Wer trägt die Sanierungskosten, wenn die Verursacher nicht mehr ermittelbar sind oder keine ausreichende Haftungsmasse besitzen? In NRW laufen dazu rechtliche Auseinandersetzungen auf verschiedenen Ebenen. Der Verursacher des Hochsauerland-Skandals, die Firma GW Umwelt, existiert längst nicht mehr in der Form, die eine vollständige Haftbarmachung ermöglichte.
Ein weiteres Problem ist die Übertragung von PFAS über die Nahrungskette: Das LANUK überwacht regelmasig Fische aus Ruhr, Mohne und Mohnesee sowie Lebensmittel aus dem Umkreis belasteter Flächen. Vereinzelt wurden erhöhte PFAS-Gehalte in Fischen festgestellt, die zu Verzehrempfehlungen geführt haben. (Quelle: LANUK NRW - PFAS in Lebensmitteln und Fischen 2024)
Quellen
- LANUK NRW: PFAS im Wasser - lanuk.nrw.de (2024)
- LANUK NRW: PFAS allgemein - lanuk.nrw.de (2024)
- LANUV NRW: Gefahrstoffe PFAS - lanuv.nrw.de (2024)
- LANUV-Fachbericht 34 - lanuk.nrw.de
- PFAS in NRW: Unsichtbare Gefahr mit milliardenschweren Folgen - gwf-wasser.de (2024)
- NRW als Vorreiter im Kampf gegen PFAS - knowh2o.de (2025)
- PFAS-Verunreinigung Düsseldorf-Nord - Düsseldorf.de
- TERZ: PFAS-Hotspot Düsseldorf - terz.org (2025)
- Greenpeace: PFOS im Rhein - greenpeace.de (2024)
- DVGW: Kosten PFAS - dvgw.de (2025)
- WDR Quarks: PFAS - quarks.de
- Umweltportal NRW: PFAS - umweltportal.nrw.de
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